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23. August 2026Die Basis fragt – Schreiber antwortet
Im Rahmen der Diskussion über den Entwurf des neuen Grundsatzprogramms der HEIMAT erreichte den Parteivorsitzenden Peter Schreiber die kritische Zuschrift eines langjährigen Parteimitgliedes. Der Einwand richtet sich gegen das im Programmentwurf enthaltene Bekenntnis zur Kernenergie – und stellt eine Frage, die weit über ein einzelnes Kapitel des Programms hinausweist:
Wie passt der Anspruch, Natur und Heimat zu schützen, mit der Nutzung der Kernenergie zusammen?
Der Verfasser der Zuschrift verweist dabei auf die möglichen Folgen schwerer Reaktorunfälle, auf die Gefahr gezielter Angriffe auf Kernkraftwerke, auf die bis heute ungelöste deutsche Endlagerfrage sowie auf die Abhängigkeit von importiertem Uran. Gerade vor dem Hintergrund des programmatischen Satzes „Natur ist unsere Heimat – wer sie zerstört, zerstört unser Leben“ erscheint ihm ein Bekenntnis zur Kernenergie widersprüchlich.
Peter Schreiber nimmt diese Einwände ausdrücklich ernst. Denn ein neues Grundsatzprogramm soll nicht einfach verabschiedet, sondern diskutiert, geprüft und – wo nötig – verbessert werden. Die Zuschrift bietet deshalb Gelegenheit, schon im Vorfeld des Parteitages eine grundsätzliche energiepolitische Debatte zum Thema „Kernenergie im Grundsatzprogramm“ zu führen: über Risiken und Chancen verschiedener Formen der Energiegewinnung, über technologischen Fortschritt, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit – und nicht zuletzt darüber, welche Verantwortung wir gegenüber Natur, Heimat und kommenden Generationen tragen.
Als Ergänzung zu seiner nachfolgenden Antwort hat Peter Schreiber einige seiner energiepolitischen Beiträge aus den vergangenen anderthalb Jahren in einer PDF-Dokumentation zusammengestellt. Sie verdeutlichen, dass die im Programmentwurf vertretene Position zur Kernenergie nicht isoliert entstanden ist, sondern Teil einer länger entwickelten, technologieoffenen energiepolitischen Grundhaltung ist.
Hier nochmal die Fragestellung, die uns aus dem Landesverband Hamburg erreichte:
Liebe Kameraden, in Absatz 19 heißt es: „Natur ist unsere Heimat – wer sie zerstört, zerstört unser Leben.“ Folglich verstehe ich das dann folgende Bekenntnis zur Kernkraft nicht. Atomkraftwerke sind eine riesige Bedrohung für unsere Heimat. Von möglichen Unglücken, wie sie ja bereits weltweit wiederholt geschehen sind, abgesehen, können solche Kraftwerke auch ganz bewusst von gewissenlosen Feinden angegriffen werden. Die Katastrophen will ich mir gar nicht vorstellen. Und: Es entsteht bekanntlich Atommüll. Es gibt noch nicht einmal ein Endlager! Jahrtausende (!) muss der Müll sicher gelagert werden. Was ist das für eine Aufgabe und Verantwortung für unzählige folgende Generationen?! Außerdem: Die Abhängigkeit vom Ausland wird nicht geringer; Uran muss importiert werden. Ich würde es also sehr begrüßen, wenn wir uns gegen Kernkraft aussprechen würden.
Die Antwort des Parteivorsitzenden:
Zunächst einmal ganz herzlichen Dank für Ihre kritische Anmerkung zum Entwurf unseres neuen Grundsatzprogramms. Ich meine das ausdrücklich so: Solche Einwände sind wichtig, denn ein Grundsatzprogramm soll ja nicht einfach durchgewunken, sondern diskutiert, geprüft und gegebenenfalls verbessert werden.
Ihre Nachricht gibt mir zugleich die Gelegenheit, einen Teil dieser notwendigen Diskussion bereits im Vorfeld unseres Parteitages zu führen. Gerade beim Thema Energiepolitik halte ich das für sinnvoll, denn hier gibt es selten einfache Antworten. Deshalb erlaube ich mir auch, Ihre Fragestellung – anonymisiert – und meine Antwort zum Gegenstand eines Beitrages auf der Netzseite der HEIMAT zu machen, damit alle, die sich dafür interessieren, unsere Gedanken nachvollziehen können.
Ich habe Ihnen deshalb eine PDF mit einigen meiner Beiträge aus den vergangenen anderthalb Jahren beigefügt. Nicht, um damit die Diskussion nach dem Motto „Das habe ich doch alles schon geschrieben“ abzuwürgen, sondern um aufzuzeigen, dass ich mich mit diesem Themenkomplex schon länger und durchaus intensiv auseinandersetze. Meine heutige Haltung zur Kernenergie ist nicht aus einem spontanen Reflex gegen die sogenannte Energiewende entstanden, sondern aus der Beschäftigung mit Versorgungssicherheit, Natur- und Landschaftsschutz, technischer Entwicklung und der Frage, wie Deutschland langfristig seine industrielle und technologische Handlungsfähigkeit erhalten kann.
Ihren Ausgangspunkt teile ich zunächst ausdrücklich: Natur ist unsere Heimat. Deshalb kann Energiepolitik für uns niemals bedeuten, ökologische Folgen einfach auszublenden.
Allerdings gibt es nach meiner Überzeugung überhaupt keine Form industrieller Energiegewinnung, die ohne Eingriffe, Ressourcenverbrauch und Risiken auskommt. Das gilt für Kohle offensichtlich. Es gilt aber ebenso für Windkraftanlagen mit ihren gewaltigen Materialmengen, Fundamenten, Zufahrtswegen und Eingriffen in Landschaft und Tierwelt. Es gilt für großflächige Photovoltaikanlagen, für Speichertechnik, Wasserkraft, Geothermie und selbstverständlich auch für Kernenergie.
Selbst ein Problem wie SF₆ zeigt, wie wenig sinnvoll einfache Etiketten wie „saubere Energie“ sind. Das extrem klimawirksame Gas wurde und wird unter anderem in elektrischen Schaltanlagen eingesetzt, wie sie auch bei Windkraftanlagen benötigt werden. Gleichzeitig gibt es inzwischen technische Alternativen und die Verwendung wird zunehmend eingeschränkt. Genau das ist für mich der entscheidende Punkt: Technologien entwickeln sich weiter – und deshalb muss auch unser Urteil über Technologien entwicklungsfähig bleiben. Das gilt für Windkraft genauso wie für Kernenergie.
Was heute wegen Ressourcenverbrauch, Recyclingproblemen, Landschaftsverbrauch oder mangelnder Speicherfähigkeit kritisch zu beurteilen ist, kann in zwanzig Jahren durch technischen Fortschritt ganz anders aussehen. Deshalb wäre ich beispielsweise auch dagegen, Wind- oder Solarenergie für alle Zeiten grundsätzlich zu verdammen. Wenn technische Entwicklungen ihre Nachteile deutlich reduzieren, müssen wir bereit sein, unsere Bewertung entsprechend anzupassen.
Genau dieselbe Offenheit beanspruche ich für die Kernenergie.
Kernkraft des Jahres 2026 ist nicht Kernkraft des Jahres 1970
Ich glaube, ein Grundfehler der deutschen Energiedebatte besteht darin, dass Kernenergie vielfach so diskutiert wird, als hätte es seit Tschernobyl und Fukushima keinen technologischen Fortschritt gegeben und als müsse die Frage lauten: „Wollen wir die Atomkraftwerke der siebziger Jahre zurück oder nicht?“
Das ist nicht meine Fragestellung.
Es geht um unterschiedliche Reaktorgenerationen, passive Sicherheitssysteme, kleinere modulare Konzepte, Hochtemperaturreaktoren, schnelle Reaktoren, neue Brennstoffkreisläufe, Flüssigsalzkonzepte und perspektivisch die Kernfusion.
Auch deshalb halte ich einen ideologisch festgeschriebenen Ausstieg aus einem vollständigen Technologiegebiet für falsch.

Deutschland befindet sich schließlich nicht auf einer abgeschotteten Insel. Wir stehen in einem weltweiten wirtschaftlichen, industriellen und technologischen Wettbewerb. Andere große Industrienationen legen sich nicht ausschließlich auf eine einzige Form der Energiegewinnung fest.
China ist dafür ein besonders augenfälliges Beispiel: Noch 2025 stammten dort rund 55 Prozent der Stromerzeugung aus Kohle. Gleichzeitig baut das Land Wind- und Solarenergie mit gewaltiger Geschwindigkeit aus und erweitert parallel dazu seine Kernenergie. China stellt diese Technologien also nicht gegeneinander, sondern verfolgt mehrere Wege gleichzeitig. (IEA)
Ob man das chinesische Modell ansonsten politisch schätzt oder nicht, ist hierfür völlig unerheblich. Entscheidend ist: Ein Industriestaat, der seine Energieversorgung strategisch betrachtet, kann es sich kaum leisten, aus ideologischen Gründen ganze Technologiepfade dauerhaft abzuschneiden.
Zum Risiko schwerer Unfälle und militärischer Angriffe
Ihren Hinweis auf Katastrophenfälle – wie Fukushima, Tschernobyl – und mögliche Angriffe auf Kernkraftwerke will ich keineswegs klein reden.
Ein Kernkraftwerk besitzt ein spezifisches Schadenspotential, das sich von einem zerstörten Windrad oder einer zerstörten Solaranlage unterscheidet. Der Krieg in der Ukraine hat außerdem vor Augen geführt, dass man bei künftigen Sicherheitskonzepten auch militärische Bedrohungen stärker berücksichtigen muss.
Ich würde deshalb nie behaupten: Kernenergie sei „risikolos“. Das wäre unseriös.
Die richtige Frage lautet für mich vielmehr: Wie groß ist das Risiko einer konkreten Technologie, wie lässt es sich weiter reduzieren und wie verhält es sich zu ihren Vorteilen und zu den Risiken der Alternativen?
Die deutschen Kernkraftwerke unterlagen sehr hohen Sicherheitsanforderungen. Die Bundesregierung sprach bereits früher davon, dass sie zu den sichersten Anlagen weltweit gehörten; noch im Untersuchungsausschuss des Bundestages wurde 2024 von Sachverständigen darauf hingewiesen, deutsche Anlagen hätten international als „Benchmark“ gegolten, sie gehörten mithin zu den sichersten Kernkraftanlagen der Welt. Dass Deutschland über erhebliche kerntechnische Sicherheitskompetenz verfügte, ist m.E. nicht zu bestreiten. (IAEA)
Und was ist mit dem Atommüll?
Hier sprechen Sie aus meiner Sicht den stärksten Einwand gegen die Kernenergie an. Deutschland besitzt bis heute kein Endlager für hochradioaktive Abfälle. Und in einem dicht besiedelten Land dürfen wir diese Frage nicht einfach mit dem Hinweis abtun, die Mengen seien relativ klein. Aber auch hier lohnt sich eine Einordnung.
Die Bundesgesellschaft für Endlagerung rechnet für Deutschland bis etwa 2080 mit rund 10.100 Tonnen hochradioaktiven abgebrannten Brennelementen sowie mehreren tausend Behältern mit verglasten Abfällen aus der früheren Wiederaufarbeitung. Frühere Berechnungen gingen – abhängig vom später verwendeten Behälterkonzept – von ungefähr 27.000 Kubikmetern hochradioaktivem Endlagergut aus.
Das ist eine erhebliche Verantwortung. Aber es ist eben nicht jene gigantische Materialmenge, die der Begriff „Atommüllberge“ gelegentlich suggeriert. Mengenmäßig sind hochradioaktive Abfälle erstaunlich kompakt. Ihre besondere Problematik liegt nicht in ihrem schieren Volumen, sondern in ihrer Radioaktivität, Wärmeentwicklung und der außerordentlich langen Zeit, für die sie von der Biosphäre getrennt werden müssen. (BGE)
Auch international lässt sich die Größenordnung einordnen: Weltweit waren Ende 2024 ungefähr 430.000 Tonnen Schwermetall in abgebrannten Brennelementen angefallen. Etwa 30 Prozent davon waren bereits wiederaufgearbeitet worden. Jährlich kommen weltweit ungefähr 10.000 Tonnen hinzu. (IAEA Konferenzen)
Dabei ist auch wichtig, was „abgebrannter Brennstoff“ eigentlich enthält. Bei einem heutigen Leichtwasserreaktor bestehen die ausgedienten Brennelemente nach Angaben der OECD/NEA noch zu ungefähr 93 bis 94 Prozent aus Uran, rund ein Prozent ist Plutonium; nur ein Teil besteht aus Spaltprodukten und sogenannten Minor Actinides. Gerade deshalb beschäftigt sich die Forschung seit Jahrzehnten mit Wiederaufarbeitung, geschlossenen Brennstoffkreisläufen und Transmutation. (Nuclear Energy Agency (NEA))
Das bedeutet natürlich nicht, dass man abgebrannte Brennelemente einfach erneut in einen heutigen Reaktor schieben könnte. Aber es bedeutet: Was wir heute als „Abfall“ behandeln, enthält noch erhebliche nutzbare energetische Ressourcen.
Und auch beim Endlager selbst bewegt sich international etwas. Deutschland hat tatsächlich noch keines. In Finnland steht ONKALO inzwischen unmittelbar vor der Betriebszulassung; die finnische Strahlenschutzbehörde hat erst im August 2026 einen wichtigen positiven Sicherheitsschritt abgeschlossen. Schweden hat Anfang 2025 mit dem Bau seines Endlagers in Forsmark begonnen, das in etwa 500 Metern Tiefe rund 12.000 Tonnen abgebrannten Brennstoff aufnehmen soll. Die geologische Endlagerung ist damit keine bloße theoretische Idee mehr. (Posiva)
Trotzdem bleibt Ihre Mahnung richtig: Auch kommende Generationen dürfen von uns verlangen, dass wir ihnen kein technisch ungelöstes Problem hinterlassen.

Gerade deshalb darf die Kerntechnik nicht stehenbleiben
An dieser Stelle komme ich aber zu einer anderen Schlussfolgerung als Sie.
Ich meine: Gerade die Atommüllproblematik spricht nicht dafür, kerntechnische Forschung einzustellen. Sie spricht vielmehr dafür, sie weiterzuentwickeln.
Die OECD beschäftigt sich seit vielen Jahren mit geschlossenen Brennstoffkreisläufen sowie mit Partitionierung und Transmutation. Bestimmte Konzepte mit schnellen Reaktoren können Plutonium und langlebige Actiniden wieder in den Brennstoffkreislauf überführen beziehungsweise durch Spaltung in kurzlebigere Stoffe umwandeln. Bei sehr weitgehenden Transmutationsstrategien werden Reduktionen der langfristigen Radiotoxizität um Größenordnungen untersucht.
Aber auch hier möchte ich nichts versprechen, was die Technik noch nicht hält: Das bedeutet nicht, dass überhaupt kein Endlager mehr benötigt würde. Spaltprodukte bleiben übrig. Es bedeutet aber, dass wir Rohstoffe künftig wesentlich besser werden ausnutzen und gerade jene Bestandteile erheblich reduzieren können, die die Langzeitproblematik heutiger Brennstoffe bestimmen. (Nuclear Energy Agency (NEA))
Auch sollten wir SMR nicht mit diesen Technologien gleichsetzen. Ein Small Modular Reactor ist zunächst einmal ein kleiner, modular gebauter Reaktor. Manche SMR-Konzepte verwenden ganz normalen Uranbrennstoff und erzeugen entsprechend abgebrannte Brennelemente. Andere, noch fortschrittlichere Konzepte verbinden eine kleinere Bauweise dagegen mit neuen Kühlmitteln, Brennstoffen oder geschlossenen Brennstoffkreisläufen.
Ähnliches gilt für Dual Fluid. Dieses ursprünglich von deutschen Physikern entwickelte Konzept soll langfristig unter anderem Natururan, Thorium und Bestandteile vorhandener abgebrannter Brennelemente nutzen können. Das klingt außerordentlich interessant. Aber der entscheidende praktische Beweis steht noch aus: Der erste kritische Demonstrationsversuch wird gegenwärtig in Ruanda (!) vorbereitet und befindet sich noch im Genehmigungs- und Erprobungsstadium. Ich halte es deshalb für richtig, solche Technologien zu erforschen – gleichzeitig wäre es natürlich falsch, heute schon so zu tun, als seien alle technischen Fragen bereits gelöst. (Rwanda Environmental Agency)

Auch die Uranabhängigkeit ist ein berechtigter Einwand
Sie haben ebenfalls recht damit, dass Deutschland sein Uran importieren müsste. Kernenergie macht uns also nicht plötzlich rohstoffautark.
Allerdings unterscheidet sich die Abhängigkeit erheblich von der Abhängigkeit bei Gas oder Kohle. Kernbrennstoff besitzt eine enorme Energiedichte, weshalb relativ geringe Materialmengen für lange Betriebszeiten reichen und Vorräte wesentlich leichter für Jahre statt für Tage oder Wochen angelegt werden können. Außerdem liegen größere bekannte Uranressourcen in unterschiedlichen Weltregionen – unter anderem in Australien, Kasachstan und Kanada. Die OECD/IAEA beziffert die identifizierten förderbaren Uranressourcen derzeit auf rund 7,9 Millionen Tonnen. (Nuclear Energy Agency (NEA))
Fortgeschrittene Brennstoffkreisläufe könnten den Bedarf an neu gefördertem Uran zusätzlich drastisch reduzieren. Einige Reaktorkonzepte können darüber hinaus Thorium oder bisher kaum genutztes Uran-238 einbeziehen.
Auch hier lautet meine Antwort deshalb nicht: „Das Problem existiert nicht.“ Meine Antwort lautet: Es ist ein Problem, das technisch bearbeitet werden kann.
Deutschland war einmal Vorreiter – und andere entwickeln unsere Ansätze weiter
Das ist vielleicht der Punkt, der mich an der BRD-Energiepolitik am meisten ärgert: Deutschland war keineswegs nur Anwender ausländischer Kerntechnik. Wir haben selbst wichtige Reaktorlinien entwickelt.

Der in Jülich gebaute AVR war ein deutscher Kugelhaufen-Hochtemperaturreaktor. Der heute in China eingesetzte HTR-PM knüpft unmittelbar an diese Entwicklung an. Selbst eine Untersuchung des Bundesamtes für Strahlenschutz bezeichnet die chinesische Entwicklung als direkte Fortsetzung jener Linie, die aus dem deutschen AVR und dem späteren HTR-Modul hervorgegangen ist. China hat diese Technik inzwischen bis zum kommerziellen Kraftwerksbetrieb weiterentwickelt. (DORIS)
Noch deutlicher wird es beim Dual-Fluid-Konzept: Das aus deutscher Forschung hervorgegangene Kerntechnik-Unternehmen „Dual Fluid Energy Inc.“ verlegte 2021 seinen gesellschaftsrechtlichen Sitz nach Kanada … und begründete diesen Schritt selbst damit, dass Kanada modulare Kerntechnik fördere und über eine ununterbrochene kerntechnische Kompetenz sowie ein entsprechendes Genehmigungsumfeld verfüge. Die Demonstrationsanlage entsteht nun, wie schon ausgeführt, in Ruanda. (Dual Fluid)
Das ist genau die Entwicklung, die ich vermeiden möchte: Deutsche Forscher denken etwas aus – Deutschland erklärt das Forschungsgebiet politisch für unerwünscht – und andere Länder entwickeln es weiter.
Bei der Kernfusion haben wir glücklicherweise diese Position noch nicht verspielt. Mit Wendelstein 7-X in Greifswald betreibt Deutschland den leistungsfähigsten Stellarator der Welt. 2025 wurden dort neue Weltbestwerte bei langen Plasmaentladungen erzielt. Aus dieser Forschungsarbeit sind inzwischen sogar neue deutsche Unternehmen hervorgegangen, die Stellarator-Kraftwerke entwickeln wollen. (Max-Planck-Institut für KPW)
Kernspaltung und Kernfusion gehören nicht technisch in einen Topf – aber die Kompetenzen hängen zusammen
Ich möchte diesen Zusammenhang auch nicht überzeichnen: Man braucht keinen laufenden deutschen Druckwasserreaktor, damit in Greifswald ein Fusionsplasma erzeugt werden kann.
Aber zwischen Kernspaltung und Kernfusion bestehen große technologische Überschneidungen. Die Internationale Atomenergieorganisation nennt unter anderem Werkstoffforschung unter extremer Strahlungsbelastung, Neutronik, Kühltechnik, Fernhantierung, Brennstoffkreisläufe, Sicherheitstechnik, Regulierung, Rückbau, Fertigungskapazitäten und qualifiziertes Fachpersonal als Bereiche, in denen Wissen von der Kernspaltung auf die Fusion übertragen werden kann. (IAEA Konferenzen)
Wenn ein Land eine gesamte Hochtechnologiebranche politisch abwickelt, verschwinden irgendwann Studiengänge, Forschungsschwerpunkte, industrielle Zulieferer und praktische Erfahrung. Diese Kompetenzen anschließend wieder aufzubauen, ist wesentlich schwieriger, als sie zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Energie ist eine Voraussetzung von Zivilisation
Und damit komme ich zu einem etwas grundsätzlicheren Gedanken. Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte ihrer Fähigkeit, Energie nutzbar zu machen: Feuer, Wasserkraft, Wind, Kohle, Erdöl, Elektrizität, Kernenergie.
Eine hochentwickelte Industriegesellschaft benötigt enorme Mengen sicher verfügbarer Energie. Wohlstand, Landwirtschaft, Medizin, Verkehr, Digitalisierung, Forschung und schließlich auch Umweltschutz setzen voraus, dass Energie ausreichend und bezahlbar vorhanden ist.
Darum halte ich eine Politik für gefährlich, die Energie in erster Linie unter dem Gesichtspunkt betrachtet, wie man ihren Verbrauch verteuert oder begrenzt. Unser Ziel sollte das Gegenteil sein: möglichst viel zuverlässig verfügbare Energie mit möglichst geringen Schäden für Mensch und Natur.
Gerade darin sehe ich keinen Gegensatz zu unserem Satz:
„Natur ist unsere Heimat – wer sie zerstört, zerstört unser Leben.“
Für mich folgt daraus nicht, dass wir eine bestimmte Technologie für alle Zeiten verbieten müssen. Es folgt daraus, dass wir jede Technologie immer wieder danach beurteilen müssen, welche Auswirkungen sie tatsächlich hat und welche Fortschritte inzwischen erzielt wurden.
Ich möchte weder Deutschland mit Windkraftanlagen zupflastern noch jede freie Fläche mit Solarmodulen bedecken. Ich möchte aber ebenso wenig Kohle oder Kernenergie völlig unkritisch behandeln.
Was ich will, ist eine vernunftgeleitete, technologieoffene Energiepolitik, die Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit, nationale Handlungsfähigkeit und Naturverträglichkeit gemeinsam betrachtet.
Deshalb wäre meine Position auch nicht, nun möglichst viele alte Kernkraftwerke wieder anzuschalten. Ich würde prüfen, bei welchen der jüngeren deutschen Anlagen eine Wiederinbetriebnahme technisch, sicherheitstechnisch und wirtschaftlich überhaupt noch sinnvoll möglich ist. Gleichzeitig müssen wir massiv in neue Reaktortechnologien, geschlossene Brennstoffkreisläufe und Kernfusion investieren. Die alten Anlagen wären in diesem Verständnis allenfalls eine Brücke – nicht das Ziel.
Vielleicht kommen wir nach Prüfung derselben Fakten trotzdem zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Das gehört zu einer ernsthaften programmatischen Diskussion dazu.
Aber gerade deshalb nochmals herzlichen Dank für Ihren Einwand. Solche Fragen sollten wir auf unserem Parteitag nicht vermeiden, sondern diskutieren. Ein Grundsatzprogramm gewinnt nicht dadurch an Wert, dass niemand widerspricht – sondern dadurch, dass es einer sachlichen Diskussion standhält.
Mit kameradschaftlichen Grüßen

Peter Schreiber
Parteivorsitzender Die Heimat (HEIMAT)




